Wie gut kenne ich Rilke? Der Test

Wenn Sprache zu Kunst wird, entstehen literarische Meisterwerke, die Generationen überdauern. Rainer Maria Rilke stellt das in seinem Œuvre immer wieder unter Beweis:

Herbsttag

Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren lass die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten, voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin, und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Liebeslied

Wie soll ich meine Seele halten, dass
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiter schwingt, wenn deine Tiefen schwingen.

Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

Kaum ein anderer Lyriker schafft es wie Rilke, Melancholie, Sehnsucht und Schönheit derart in Worte zu fassen. Seine Gedichte wirken damals wie heute, treffen mitten ins Herz, lösen Gefühle aus, brennen sich ein. Viele lieben, ja verehren ihn und seine zeitlosen Verse dafür. Rilke gilt nicht umsonst als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Dichter der Moderne.

Doch wie gut kennen wir eigentlich den Menschen und die Gedanken hinter seinen Texten? Wer hat ihn berührt? Was hat in beflügelt? Woran glaubte er?

Zeit für den Selbsttest:

Antwort-Kommentare

  1. Während seiner frühen Pariser Jahre war Rilke regelrecht vernarrt in den Bildhauer Rodin. 1905/1906 arbeitete er für den Künstler, wohnte eine Zeitlang bei ihm und lernte ihn als großen Meister schätzen.
  2. Der Schriftsteller Gottfried Benn (und er war nicht der einzige „Kollege“) ätzte nur zu gern bei jeder passenden Gelegenheit über den großen Dichter, nannte Rilkes Lyrik gar „Reimplastilin“.
  3. Mit 8 Jahren schrieb er seine ersten Gedichte in Form von kleinen Versen zu Geburtstagen.
  4. Rilke hielt nichts von der Ehe. Er setzte sie mit dem Verlust der Freiheit gleich. Sein berühmtestes Zitat dazu: „Ein Miteinander zweier Menschen ist eine Unmöglichkeit und, wo es doch vorhanden scheint, eine Beschränkung, eine gegenseitige Übereinkunft,welchen einen Teil oder beide Teile ihrer vollsten Freiheit und Entwicklung beraubt.“
  5. 1921 stieß Rilke eher zufällig auf Paul Valérys Gedicht „Der Friedhof am Meer“. Nachdem er es ins Deutsche übersetzt hatte, „verfiel“ er Valéry geradezu; Valéry wurde für Rilke zu einer literarischen Lichtgestalt.

Erfahren Sie noch mehr über den Lyriker in unserer Rubrik „Rilke“.

 

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