„Rainer Maria Rilke: Wohin gehöre ich?“ von Alois Prinz, Insel Verlag: Biografien zu verfassen, ist weitaus mehr, als die Daten eines Lebens zusammenzufügen. Es bedarf einer großen Portion Empathie sowie immensen Vorstellungsvermögens, um die Vita eines Menschen lebendig werden zu lassen. Über all diese Tugenden verfügt Alois Prinz wie kaum ein anderer Chronist. Er schafft es jedes Mal, ganz gleichgültig, wen er gerade porträtiert, sich „seiner“ Persönlichkeit so nahe wie irgendwie möglich zu fühlen. Auch in seinem neuesten Werk über Rilke holt er die Leserinnen und Leser so ab, dass sie nicht lange Außenstehende bleiben und rasch mitten ins Geschehen hineingezogen werden. Sie tauchen vollends ein in den Text, erleben den Lyriker somit auf jeder einzelnen Seite, als würden sie seine Zerrissenheiten, Sehnsüchte und Schaffenskrisen unmittelbar mitempfinden. Mehr noch: Während der Lektüre sehen sie Rilke regelrecht vor sich – wie er lebt, liebt und leidet.
Biografie plus
Das ist das Extraordinäre seiner literarischen Darbietungen. Sie sind zwar biografisch angelegt, liefern faktische Genauigkeit, muten aber eher wie ein exzellent konzipierter Roman an. Das liegt nicht zuletzt daran, dass Prinz sich nicht nur auf äußere Stationen oder große Wendepunkte beschränkt, sondern den Fokus auf innere Prozesse, Zweifel, Brüche und die oft widersprüchlichen Impulse legt, die jeden Menschen antreiben. Davon erzählt Prinz mit Herzblut, ohne zu verklären. Er analysiert, ohne zu entzaubern. Seine größte Begabung liegt jedoch zweifelsohne darin begründet: Er schreibt nie über seine Figuren hinweg. Es wirkt, als ob er sie alle persönlich kennengelernt und ihnen dabei zugehört hätte, wie sie ihm ihre Geschichte soufflieren. Und genau daraus entsteht diese besondere Authentizität, die seine Arbeit von ganz vielen anderen abhebt.
Klappentext:
Am 14. Juli 1914 verließ der Dichter Rainer Maria Rilke seinen Wohnort Paris. Eine kurze Reise nach Deutschland wollte er machen und dann wieder in die französische Hauptstadt zurückkehren. Doch der Weltkrieg, der im August ausbrach, durchkreuzte seine Pläne. Nach Paris konnte der gebürtige Prager als österreichischer Staatsbürger nicht mehr zurück. Fast fünf Jahre lang verbrachte er, mit Unterbrechungen, in München. In dieser Zeit des Krieges und der nachfolgenden Revolutionen versiegte seine dichterische Kraft fast vollkommen. Immer wieder beklagte er, dass seine „voix intérieure“, seine innere Stimme, verstummt sei.
Dieses Verstummen war keine zufällige Schreibblockade, sondern für Rilke die angemessene und einzig mögliche Antwort auf den Wahnsinn des Krieges. Dichtung und Krieg schlossen sich für ihn gegenseitig aus. Diese Unvereinbarkeit regte ihn dazu an, in Abgrenzung zum Krieg sein Selbstverständnis als Dichter und seine Auffassung von Poetik schärfer zu erfassen und gleichzeitig seine Einstellung zum Krieg deutlich zu machen. Insofern war Rilke keinesfalls der weltfremde Schöngeist, als den man ihn oft darstellt. Hunderte Briefe beweisen, dass er ein genauer Beobachter seiner Zeit war und seine politischen Ansichten, die er in einen größeren Zusammenhang stellte, erhellender waren als die vieler seiner Zeitgenossen. Ausgehend vom „politischen Rilke“ werden auch seine traumatischen Kindheits- und Jugenderfahrungen, sein Verhältnis zu seiner Familie und seine Freundschaften zu Frauen verständlicher.
Lesen Sie von Alois Prinz auch die Biografien „Franz Kafka: ein literarisches Rätsel und menschliches Mysterium“, „Der Brandstifter: Die Lebensgeschichte des Joseph Goebbels und „Die Lebensgeschichte der Ulrike Marie Meinhof“.






