Planänderung

Von Dr. Petra Zeil, Gewinnerin des CarpeGusta Literatur Awards 2025

„Ich will Krieg“, sagte der Präsident. „Gegen unser Nachbarland.“
Da nickten die Soldaten und Kriegsminister und alle, die versammelt waren.
„Die werden uns kennenlernen!“, rief einer.
„Wir schlagen mit aller Härte zu!“, pflichtete ein anderer bei.
Der Präsident zeigte auf die Karte.
„Hier geht’s los“, sagte er und wies mit einem langen Stab auf den genauen Punkt. „Wir bombardieren die Hauptstadt!“
Da brachen alle in Jubel aus. Nur einer riss den Arm in die Höhe. Es war der Luftwaffengeneral.
„Herr Präsident!“, sagte er. Seine Stimme zitterte. „In der Hauptstadt studiert meine Enkelin.“
Verwirrt blickte der Präsident ihn an.
„Dann fliegen wir Ihre Enkelin aus“, sagte er. „Sie soll sich abreisebereit halten!“
„Mit Verlaub“, entgegnete der Luftwaffengeneral. „Sie ist kurz vor dem Examen. Wenn sie jetzt die Stadt verlässt und womöglich noch die Universität zerstört wird, war ihr ganzes Studium umsonst.“
„Was studiert sie denn?“, wollte einer wissen.
„Friedensethik“, erwiderte der Luftwaffengeneral.
„Schön!“, antwortete wieder der Erste.
„Dann geht das nicht!“, sagte der Präsident und fuhr mit seinem langen Stab über die Karte. „Dann Planänderung. Wir bombardieren die zweitgrößte Stadt.“

Dr. Petra Zeil

Da brachen alle in Jubel aus. Nur einer riss den Arm in die Höhe. Es war der Oberstleutnant.
„Bitte, Herr Präsident“, sagte er. „Die Häuser in der zweitgrößten Stadt hat mein Sohn gebaut. Er ist Architekt. Er liebt jedes Haus wie sein Baby. Ich kann seine Häuser nicht zerstören!“
Der Präsident seufzte. „Nur wegen ein paar Häusern?“, sagte er. „Kann Ihr Sohn nicht anderswo neue Häuser bauen?“
„Nein, Herr Präsident“, entgegnete der Oberstleutnant. „Er hatte einen Unfall und sitzt im Rollstuhl. Er kann nicht mehr bauen. Und selbst wenn: Zerstörte Häuser, die man geliebt hat, kann man nicht einfach durch neue ersetzen.“
„Kein Problem“, sagte der Präsident und setzte ein steifes Lächeln auf. „Dann Planänderung. Wir machen die drittgrößte Stadt platt.“
Da brachen alle in Jubel aus. Nur einer riss den Arm in die Höhe. Es war der Admiral der Kriegsmarine.
„Herr Präsident!“, rief er. „In der drittgrößten Stadt ist meine kleine Schwester Zoodirektorin. Sie kann nicht fort. Sie würde die Tiere niemals im Stich lassen!“
„Tiere?“, fragte der Präsident gereizt. Aber mit dem Admiral durfte er es sich nicht verscherzen. „Gut“, rief er, „dann Planänderung! Wir greifen dieses unbedeutende Dorf mitten im Nirgendwo an.“ Er zeigte es auf der Karte.
Da brachen nur wenige in Jubel aus. Die meisten hielten die Luft an.
„In diesem Dorf bin ich geboren“, sagte einer mit fester Stimme. Es war der Admiraloberstabsarzt. „Alle meine Freunde von früher leben noch dort!“
„In so einem kleinen Dorf? Dann Planänderung!“, schnaubte der Präsident und fuhr mit seinem langen Stab zu irgendeinem anderen Dorf auf der Karte.
„Da liegt meine Oma begraben!“, rief der Brigadegeneral. „Sie würde mir nie verzeihen!“
Da warf der Präsident seinen langen Stab quer durch den Saal.
„Mit euch kann man doch keinen Krieg führen!“, brüllte er mit hochrotem Kopf. „Dann eben nicht! Dann eben Frieden!“
Und da diesmal keiner widersprach, war dies nun der Plan.

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