*Kolumne*
Bei „Perry Rhodan“ erscheint alles so einfach: Man fliegt mit Überlichtgeschwindigkeit durch die Milchstraße, trinkt Kaffee aus Plastikbechern und macht sich um Umweltschutz ungefähr so viele Gedanken wie ein Staubsaugerroboter um den Regenwald. Das Perryversum wirkt stellenweise wie der Traum jeder rücksichtslos expandierenden Zivilisation: schier unendlich viele Planeten und damit nicht nur unendlich viel Platz, sondern eben auch unendlich viele Rohstoffe. Häufige Folge, zugegeben stark überspitzt: Wenn eine Welt verseucht ist, nimmt man eben die nächste. Und wenn irgendwo ein Mond explodiert, dann ist das zwar lästig, aber nicht wirklich schlimm.
Im echten Leben warnen Umweltschutzorganisationen mit dem Slogan „Es gibt keinen Planet B“. Gemeint ist: Zerstören wir unseren Lebensraum, sind wir verloren, weil wir nirgendwo anders hinkönnen. Denn es gibt keine zweite Erde. Die Frage lautet also: Wie würde sich ein solcher Ersatzplanet auf die Menschheit auswirken? Wäre uns die Erde dann vollkommen egal? Ja, das ist definitiv Stoff für eine lange philosophische Abhandlung. Man kann aber genauso gut einfach die Weltraumsaga rund um Perry Rhodan ein wenig deuten, sie interpretieren. Denn sie gibt hierauf eine erstaunlich präzise Antwort.
Keine Erde wie die Erde
Im Perryversum gibt es nicht nur einen Planet B; es gibt Tausende und nicht wenige wurden von Menschen besiedelt. Eine zweite Erde sind sie dennoch nicht. An das Original will keine so recht heranreichen, so vollkommen, ja perfekt diese fremden Welten auch sein mögen. Terra ist und bleibt das Maß aller Dinge. Und wird sie bedroht, bricht die Hölle los!
Notfalls flieht man dann sogar mit dem kompletten Planeten vor seinem ärgsten Feind. Die Erde aufgeben? Das ist überhaupt keine Option! Schließlich ist sie nicht irgendein Planet unter vielen, nicht bloß Verwaltungssitz, Hauptstadt oder nur ein hübscher blauer Ball mit angenehmer Schwerkraft. Sie ist ein Mythos, nicht weniger als eine kollektive Obsession. Die Menschen sehnen sich nach ihr, trauern um sie, definieren sich über sie. Ohne Terra fehlt der Menschheit schlichtweg ein Teil ihres eigenen Selbst. „Nein, die Heimat kann man doch nicht einfach austauschen!“, denkt sich anscheinend der Durchschnitts-Terraner selbst noch Mitte des 4. Jahrtausends. „Dieser Planet muss anders als alle anderen um jeden Preis erhalten bleiben – koste es, was es wolle!“
Unendliche Weiten, begrenztes Mitgefühl
Mit fremden Welten geht man vielfach deutlich weniger zimperlich um. Sonne, Mond und Sterne werden oft vor allem als strategische Räume verstanden: austauschbar, steril, kalt. Der gefühlte Effekt: Sie lassen sich opfern, ohne mit der Wimper zu zucken. Ist ja nur irgendein Planet! Selbst als Arkon III vernichtet wird, immerhin die eigentliche Heimat von Perry Rhodans engem Freund Atlan, hält sich die Verzweiflung in, sagen wir mal, überschaubaren Grenzen. Hier funktioniert der Reflex, sich einzureden, das Universum sei ja groß genug. Doch bei Terra klappt das einfach nicht. Warum das so ist? Die Antwort ist einfach: Die Erde ist schließlich Heimat wirklich aller „Perry Rhodan“-Fans, Ursprungsort und emotionale Wirkungsstätte zugleich. Arkon hingegen ist zwar faszinierend, wichtig, historisch stark aufgeladen, aber eben nicht die Erde. Und nicht zu vergessen: Niemand im Autorenteam, keine Leserin und kein Leser kennt auch nur einen einzigen Arkoniden persönlich, weil es sie in der realen Welt selbstredend nicht gibt! Wie könnte es da also eine Gefühlsbindung geben? Das mag man jetzt traurig und zutiefst egoistisch finden, psychologisch ist es jedenfalls nachvollziehbar – und eben irgendwie menschlich …
Tipp: Lesen Sie noch weitere Kolumnen, Interviews, launige Beiträge und ganz persönliche Einschätzungen in unserer Serie „CarpeGusta Literatur meets Perry Rhodan“!



