Die vielleicht innovativste Serie über ein literarisches Phänomen, Teil 29: Perry Rhodan und die Mutanten

*Kolumne*

Telepathie, Telekinese und Teleportation sind in der Welt von Perry Rhodan nichts Ungewöhnliches. Menschen (und andere Wesen) mit übersinnlichen Fähigkeiten werden dabei als Mutanten bezeichnet. Das mag aus heutiger Sicht verwundern, da der Begriff inzwischen negativ besetzt ist und eher gefährliche Monster als Psi-Begabte suggeriert. Anfang der Sechziger, als die Serie startete, war die Bezeichnung indes noch neutral bis positiv. Science-Fiction-Autoren arbeiteten gerne damit, weil sie so mit einem einzigen Wort ungewöhnliche, besondere, übersinnliche Fähigkeiten ankündigen konnten. Die Idee dahinter entsprach dem Zeitgeist und wurde nicht nur im Perryversum genüsslich ausgeschlachtet. Sie lautete: Warum sollten Hiroshima, Nagasaki und oberirdische Atomtests ausschließlich Missbildungen, Leid und Tod verursachen? Wäre es nicht möglich, dass es auch zu positiven Veränderungen kommt, die eine Art Übermensch schaffen, Mutanten also?

Übermenschliche Mutationen ohne Psi

Und ganz falsch lagen sie damit überhaupt nicht! Zwar ist die Entwicklung von Psi-Eigenschaften als positiver Nebeneffekt schädlicher Strahlung extrem unwahrscheinlich, aber eben nicht unmöglich. Denn Genmutationen mit erstaunlichen Effekten, wodurch auch immer ausgelöst, gibt es in der realen Welt definitiv: Die einen empfinden keinen Schmerz (Mutation des SCN9A-Gens), bauen in Rekordzeit erstaunlich viel Muskelmasse auf (MSTN-Gen) oder sind resistent gegen Malaria (HBB-Gen) und HIV (CCR5-Δ32-Gen), die anderen haben faktisch unzerbrechliche Knochen (LRP5-Gen), können bis zu 13 Minuten die Luft anhalten (PDE10A-Gen) oder haben vier statt drei Farbrezeptoren, was sie viele Millionen Farbnuancen mehr wahrnehmen lässt als „Normale“ (OPN-Gene).

Gedankenlesen mit Hirnimplantaten

Doch zurück zur Telepathie: Anders als bei Perry Rhodan wird der Weg voraussichtlich nicht über die elektrischen Ströme führen, die Mutanten oder Maschinen ähnlich wie ein Funkempfänger wahrnehmen und sofort im Klartext verstehen, sondern über die hoch komplizierten individuellen Muster bei medizinischen Bildgebungsverfahren, die zunächst in mühsamer Kleinarbeit und mithilfe Künstlicher Intelligenz verstanden, also übersetzt werden müssen. Noch steckt die Technik in den Kinderschuhen, ist aber vielversprechend. Textverarbeitung am Computer beispielsweise funktioniert inzwischen mit reiner Gedankenkraft und einem entsprechenden Hirnimplantat. Solche Brain-Computer-Interfaces sollen mittelfristig reine Gedanken in Sprache umwandeln können und langfristig eine rein telepathische Kommunikation direkt von Mensch zu Mensch möglich machen.

Telekinese und Teleportation allerdings schafft die Cyborg-Technologie wohl nicht; es sei denn, sie mutiert noch entsprechend …

Tipp: Lesen Sie noch weitere Kolumnen, Interviews, launige Beiträge und ganz persönliche Einschätzungen in unserer Serie „CarpeGusta Literatur meets Perry Rhodan“!