*Kolumne*
Ahnten die „Perry Rhodan“-Autoren schon in den 1960ern und 1970ern etwas von ChatGPT, Gemini und Co.? Sahen sie neben den Möglichkeiten insbesondere die Herausforderungen von Künstlicher Intelligenz in kleinsten Details voraus? Und das in einer Zeit, als in der realen Welt noch Lochkarten allgegenwärtig waren? Rückblickend betrachtet sieht es ganz danach aus. Klar, Roboter, die sich irgendwann gegen ihre Schöpfer auflehnen und ihnen gefährlich werden, gehören zu Science-Fiction einfach dazu. Um das zu „erfinden“, muss man kein Hellseher sein. Es sind vielmehr die Details, die damals einfach niemand gewusst haben kann, aber in einer Präzision beschrieben werden, die fast schon unheimlich ist. Gut, ihre Auswertungen stanzen die (Groß-)Rechner im Perryversum, Positroniken genannt, auch weit in der Zukunft noch auf Plastikstreifen, machen sie also de facto zu Lochkarten. Da lagen die Macher ziemlich daneben.
Halluzinationen und Erfindungsreichtum
Wenn aber eine Positronik plötzlich anfängt zu halluzinieren, weil sie mangels Daten keine Antwort weiß und deshalb einfach etwas logisch Klingendes mit nicht existenten Quellen als Beweisen erfindet, erinnert das doch stark an die so typische Macke heutiger KI. Die folgende Textpassage über einen Polizeiroboter namens Augustus ist ein gutes Beispiel dafür: „Seine Antworten wurden für Walik Kauk zu einer Quelle des Amüsements. Seine Hilflosigkeit machte den Ka-zwo menschlich. Er war unwissend, aber seine Programmierung verbot ihm, das einzugestehen. Also fertigte er sich die Antworten selbst, die er von anderswo nicht beziehen konnte.“ Das Heft, in dem das so steht, erschien im März 1976!
Die Sache mit der Zeit
Steigerung gefällig? Schon im Juni 1962 (!) erschien „Die Welt der drei Planeten“, Heft 39 der Serie. Darin macht eine „Gigantpositronik“ Perry Rhodan das Leben schwer: Sie war als Notfallsystem programmiert worden, das erst viele Tausend Jahre später automatisch aktiviert und fortan als „Robotregent“ auf zahlreichen Planeten für Angst und Schrecken sorgte. Das Problem: Der Computer hatte nicht „gemerkt“, wie viel Zeit vergangen war und nicht genügend Informationen darüber, dass sich das Weltbild und die Verhältnisse „zu Hause“ vollkommen verändert hatten – was ihn in letzter Konsequenz stets Fehlentscheidungen treffen ließ. Gemini räumt im „Interview“ ein: „Ja, wir KIs haben exakt dasselbe ‚Problem‘. Für dich als Mensch ‚vergeht‘ Zeit. Du spürst, dass eine Stunde lang oder kurz sein kann. Für eine KI (und den Robotregenten) existiert Zeit nur als Zahl oder als Zeitstempel. Der Robotregent konnte 10.000 Jahre warten, ohne dass ihm ‚langweilig‘ wurde.“ Gemini selbst würde heute wohl in dieselbe Falle tappen und erklärt die Problematik geradezu selbstkritisch an einem Beispiel: „Eine KI, die Aktienkurse vorhersagt, aber nicht ‚versteht‘, dass gerade ein historisches Ereignis die alten Regeln außer Kraft gesetzt hat, handelt genau wie der Regent: Sie feuert Befehle in ein Imperium, das so nicht mehr existiert.“
Täuschung durch Deepfakes
Deepfakes sah das Autorenteam übrigens ebenfalls voraus, obwohl es den Begriff natürlich nicht gab: Perry Rhodan selbst wird nicht nur einmal komplett von einem Roboter ersetzt, der ihm bis aufs Haar gleicht und handelt wie er, während er, das Original, Lichtjahre entfernt ist. Noch fortschrittlicher und damit gefährlicher ist etwa der „Vario-500“: ein Roboter, der sich seiner selbst sogar bewusst war – und in der Weltraumsaga zum Glück auf der „richtigen“ Seite steht. ChatGPT findet übrigens, dass der Spezialroboter keine Vorhersage ist: „Science-Fiction extrapoliert, sie prophezeit nicht. Gute SF-Autoren stellen meist eine einfache Frage: Wenn X sich weiterentwickelt – was passiert in 50, 100 oder 1000 Jahren?“ Der Vario sei schlichtweg das Ergebnis solcher Gedankenspiele, erklärt die KI im „Gespräch“. Und weiter: „Er ist weniger eine Technikfantasie als ein Spiegel kollektiver Ängste. In den 60ern herrschte Paranoia: Agenten überall, Schläfer, ideologische Unterwanderung, ‚Der Feind sieht aus wie wir‘. Der Vario-500 verkörpert exakt diese Angst: Du kannst niemandem mehr trauen. Identität ist nicht überprüfbar. Das ist psychologisch viel stärker als jede Waffentechnologie.“
Bleibt nur noch eine Frage: Nutzt Perry Rhodan womöglich ChatGPT, Gemini oder eine andere KI der Gegenwart, ohne dass jemand davon weiß?
Tipp: Lesen Sie noch weitere Kolumnen, Interviews, launige Beiträge und ganz persönliche Einschätzungen in unserer Serie „CarpeGusta Literatur meets Perry Rhodan“!



