Lyrik hat schon immer meist in aller Kürze das reflektiert, was den Autor bewegte. Goethe, Schiller und Konsorten machten sich neben der Prosa daher oft das Gedicht zu eigen, um sich auf begrenztem Raum auszudrücken. Klassisch im Reimschema oder hübsch verpackt als Sonett, Ode oder Elegie behandelten sie Motive wie Liebe, Tod und Sehnsucht. Die Dichtung im 21. Jahrhunderts hat sich von diesem schweren „Leidenspathos“ vergangener Jahrzehnte indes gelöst. Sie atmet stattdessen Freiheit, und zwar in jederlei Hinsicht. Heute zeigt sich Lyrik vielstimmiger, experimenteller, persönlicher als je zuvor und bleibt dennoch Spiegel des Jetzt. Auf ihre eigene spezielle Weise reagiert sie auf aktuelle Probleme wie Klimawandel, politische Missstände oder Gesellschaftsprobleme und verarbeitet, ja verwandelt sie als avantgardistische Poesie.
Die Renaissance des Gedichts
Das Genre findet mittlerweile ganz neue Räume. Es tritt sozusagen über das Buch hinaus direkt in die Welt: auf Instagram etwa, TikTok, in Spoken-Word-Performances, Podcasts und Zines und begibt sich damit mitten ins pulsierende Leben. Junge Kunstschaffende haben somit der lange als antiquiert geltenden Gattung einen neuen, frischen Geist eingehaucht, Jan Wagner etwa mit seinen „Regentonnenvariationen“, Nora Gomringer mit „Morbus“, Marion Poschmann mit „Geliehene Landschaften“, Ulrich Koch mit „Selbst in hoher Auflösung“ und Ron Winklers „Prachtvolle Mitternacht“. Ihre Gedichte erzählen von Identität, Herkunft, Verletzlichkeit und Widerstand. Die Texte scheuen dabei nicht vor Brüchen zurück, vor Schmerz, vor Intimität. Schonungslos direkt legen sie den Finger in Wunden und machen Lyrik zum Trend.
Dass das gelingt, liegt jedoch nicht nur an der inhaltlichen Renaissance, sondern auch an einer formalen Überholung. Rhythmus ersetzt Gleichklang, Leerstellen treten an die Stelle von bildgewaltigen Metaphern, frei nach dem Motto: Manchmal sagt das Nichts mehr als 1000 Worte. Mit Syntax, Grammatik und auditiver Harmonie zu experimentieren, erzeugt eine bislang nicht gekannte Spannung. Mehrsprachigkeit und kontrovers diskutierte Sprachentwicklungen wie Denglisch kommen bewusst zum Einsatz, um auf diese Weise Sprachverlust und Sprachmacht zu demonstrieren. Mal kritisch, mal humorvoll, mal analytisch umgesetzt, erzeugt dies eine beschwingte, lebendige Vers-Authentizität.



