Lebendige Prosa, die jeden Satz zum Erlebnis macht

Worte sind mehr als nur reine Sprache. Sie sind Brücken in andere Leben, bieten Räume für Gedanken, evozieren Emotionen. Genau das rufen auch die Romane aus dem Suhrkamp Verlag von Josef Winkler, „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“, und „Masleboi“ von Thomas Kunst hervor. Beide Bücher öffnen Türen ins Innere und machen Literatur auf kraftvolle Weise erfahrbar. Winkler verwebt dabei Erinnerungen mit poetischer Intensität, während Kunst mit überbordender, experimenteller Prosa vorgeht.

Fazit: Geschichten, die herausfordern und Seite für Seite spüren lassen, wie lebendig Texte sein können!

Klappentext „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“ von Josef Winkler:

„Ich schreibe dich – / Zur Welt bist du wieder gekommen / mit geisternder Buchstabenkraft“, heißt es in einem der Gedichte von Nelly Sachs, das Josef Winkler in seinem neuen Roman zitiert, in dem er seine fünf Jahre ältere, mittlerweile verstorbene Schwester Maria, die sich in ihrer gemeinsamen Kindheit auf dem Bauernhof vor allem um den rebellischen Josef gekümmert hat, in die Welt zurückschreibt. Für eine Ausbildung zur Konditorin verlässt sie das Dorf, arbeitet jahrelang in den verschiedensten Hotels, kehrt nach Ausbruch ihrer seelischen Erkrankung und nach dem ersten Selbstmordversuch in ihr Elternhaus zurück, wo sie auf ihren Bruder Josef trifft, der nach dem Skandal um sein erstes Buch ebenfalls dort Zuflucht sucht.

Der Roman „Das Glück ist ein Engel mit ernstem Gesicht“, der mit Josef Winklers „Buchstabenkraft“, auch in surrealen Bildern, andeutet, welche ungeheuerlichen Vorkommnisse das Dasein seiner Schwester bis in den Tod verdunkelt haben mögen, verschränkt die Heimkehr der verlorenen Tochter und die Rückkehr des verlorenen Sohns ineinander. Wie Josef Winkler seelische und körperliche Gewalt der dörflichen Umwelt zur Sprache bringt, ist in der deutschsprachigen Literatur unvergleichlich.

Klappentext „Masleboi“:

Meine liebe Masahlena,

ich darf das Wort Otchanganarriva nicht mehr so oft benutzen. Otchanganarriva. Otchanganarriva. Otchanganarriva. Otchanganarriva. Jetzt geht es mir besser. Wir müssen so tun, als würden wir uns innerhalb einer Familie nahestehen, Masahlena. Hast du was genommen. Deine Pupillen sind so groß wie zu große Pupillen. Du frierst. Oder bin ich das. Ich kann dich gerade nicht im Bett festbinden. Masahlena. Masahlena. Masahlena. Masahlena. Masahlena. Wem die Wiederholungen hier zu viel werden, bitte vortreten. Haben wir noch etwas anderes als Wein im Haus, Masahlena.

So weit aus dem Brief eines Unbekannten. Alles, was wir von ihm wissen: Er ist der Held in Thomas Kunsts neuem Roman Masleboi. Er lebt in Otchanganarriva. Er verbringt seine Zeit damit, sich mehr und mehr der Menschheit zu entziehen. Er sammelt Konservendosen. Er lebt mit den Dosen zusammen. Er löst die Etiketten von den Konserven, um sie als Material für den Bau seiner Einrichtungsgegenstände zu benutzen. Bett. Tisch. Briefkasten. Blumenbehälter. Und Masahlena? Auch über sie ist wenig bekannt. Nur dass sie sich allen Erwartungen und Konventionen entzieht. So wie auch Thomas Kunsts wilde, formsprengende, überbordende Prosa.

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