Das Comeback der Kurzgeschichte

Kurzgeschichten erleben gerade ein Comeback. Genreübergreifend erfreuen sie sich immer größerer Beliebtheit. Die Kunst, Geschichten in wenigen Worten zu erzählen, hat eine lange Tradition. Bereits in der Antike, im alten Ägypten und in vielen weiteren Kulturen wurden sie geschätzt. Die Short Story als eigenständige literarische Form entwickelte sich jedoch erst im 19. Jahrhundert, als Schriftsteller wie Edgar Allan Poe und Guy de Maupassant begannen, mit knappen, pointierten Texten zu faszinieren.

Schnell und unkompliziert

In den letzten Jahren haben immer mehr Autorinnen und Autoren die kraftvollen, konzentrierten Handlungen für sich neu entdeckt, um damit ihr Publikum zu begeistern. Doch was macht ihren Reiz eigentlich aus?

Einer der Hauptgründe dürfte in der schnellen, unkomplizierten Art der Lektüre liegen. Denn Kurzgeschichten – gerade in Anthologien – ermöglichen es, in einem Buch binnen kurzer Zeit gleich mehrere Realitäten, Leben oder Lieben kennenzulernen, ohne sich erst in der langen Handlung eines Romanen zurechtfinden zu müssen. Jede Szene, jeder Satz muss in der Minivariante sitzen, jede Figur auf engstem Raum glaubhaft wirken. Diese semantische und stilistische Dichte erzeugt eine inspirierende wie fruchtbare Konzentration an Gedanken und Eindrücken sowie eine äußerst emotionale Wirkung, die oft noch lange nachklingt.

Wolfgang Borchert prägte wie kaum ein anderer die Nachkriegsliteratur mit diesem Format. Legendär sind seine Sujets in „Nachts schlafen die Ratten doch“. Existenzielle Erfahrungen hat er darin rasch greifbar gemacht. In seinem Band „Die traurigen Geranien“ demonstriert er anhand von 18 mimimalistischen Inszenierungen, wie ein Minimum an äußerer Handlung berühren kann. Und genau darin lässt sich das Meisterliche erkennen: mit wohldosierter Sprache komplexe Welten skizzieren zu können, ohne alles ausschweifend erklären zu müssen. Dieses Weglassen ist eine der größten Stärken der Kurzgeschichte. So fordert sie beim Lesen dazu auf, sich bedingungslos hineinfallen zu lassen ins Geschriebene.

Diese Literatur in kleinen Häppchen passt perfekt in die heutige Zeit. Denn viele leben in ständiger Reizüberflutung, sind zunehmend gestresst. Da bietet sich die Short Story als literarisches (in diesem Zusammenhang ausschließlich positiv konnotiertes) „Fast Food“ regelrecht an.

PS: Kurzgeschichte und Short Story sind literaturwissenschaftlich gesehen nicht ganz dasselbe und daher streng genommen keine Synonyme. Doch die Grenze verschwimmt inzwischen mehr und mehr, sodass wir das hier nicht so eng sehen wollen.

Tipp: Für unseren „CarpeGusta Literatur Award 2025“ suchen wir noch bis zum 15. September 2025 Kurzgeschichten zum Thema Frieden.