Was bleibt nach dem Vergessen? Literarisches Konfekt in ausgewählten Büchern – empfohlen von Chefredakteurin Dr. Maria Zaffarana

„Zu sagen, wovon das Buch handelte, das ich vorhatte zu schreiben, empfand ich als beinahe obszön. Als müsste ich meinen Rock hochschieben, um eine Narbe oder ein Mal vorzuzeigen, irgendetwas, was sonst unter der Kleidung verborgen blieb.“

Wörter sind mehr als nur eine Aneinanderreihung von Buchstaben. Ihnen wohnt ein Zauber inne, der durch feingeschliffene Sprache das Gewöhnliche ins Einzigartige verwandelt. Oder anders ausgedrückt: Eine eingängige Melodie lebt von Rhythmus, Gefühl und ausgewählten Noten, die perfekt harmonieren. Sonst berührt Musik nicht. Der Wohlklang eines Textes ertönt durch denselben Feinsinn: Nur wenn das Herz und der Geist abgestimmt werden mit der Leidenschaft für Poesie, entstehen bedeutungsvolle literarische Unikate. In dieser Rubrik widmet sich CarpeGusta Literatur genau solchen Büchern: Werken, die über die bloße Handlung hinausgehen, weil sie von der Ästhetik des Schreibens leben, indem sie durch wohlkomponierte Satz-Arrangements Magie pur erzeugen.

Aus den bereits bei CarpeGusta Literatur rezensierten Romanen haben wir jene ausgewählt, die unserer Ansicht nach herausstechen durch stilistische Raffinesse und expressive Ausdruckskraft.

Heute präsentieren wir Ihnen eine Auswahl der schönsten und prägnantesten Passagen aus dem Roman „Wild nach einem wilden Traum“ von Julia Schoch:

  • „Ich empfinde es als Beleidigung, dass die Dinge nach mir weiterexistieren, ganz so, als wäre nichts geschehen. Offenbar, sage ich mir dann, ist meine Präsenz nicht stark genug, um die Zeit zum Stillstand zu bringen.“
  • „Früher oder später kehren alle Schriftsteller zu ihrer Kindheit zurück.“
  • „Am weitesten entfernt von der eigenen Gegenwart, dem Jetzt, ist die Kindheit zugleich das Naheliegende.“
  • „Immer habe ich nach Worten gesucht, nach dem einen, dem richtigen. Vielleicht beginnt man deshalb zu schreiben.“
  • „Vielleicht passiert die Liebe, dieses Gefühl, wenn wir uns zu jemandem hingezogen fühlen, immer nur so: stellvertretend für etwas viel Früheres, Älteres, das uns verloren gegangen ist und das wir zurückerlangen wollen. Alle Liebe ist nur ein Ersatz-Haltegriff, habe ich irgendwo gelesen.“
  • „Wir bewohnen unsere Vergangenheit, wie man Träume bewohnt. Was mir vor Augen steht, sind vor allem Wiederholungen, ein überwältigendes Gefühl von Gleichmaß, Wohnblöcke, die Geometrie des Betons, Trampelpfade, im Hintergrund der Wald.“
  • „Auf das Vergessen ist Verlass. Ohne Vergessen gäbe es keine Geschichten. Sie sind das, was übrig bleibt.“
  • „Jedes Menschenleben ist angefüllt mit Geschehnissen, die in den Falten des Gedächtnisses lagern. Und in jedes einzelne Geschehnis hineingefaltet sind noch weitere.“
  • „Die erinnerungswürdigsten Momente meines Lebens sind die, in denen ich in einem glücklichen Irrtum gelebt habe. Weshalb überhaupt unterscheiden zwischen echtem und trügerischem Glück, wenn doch beides dieselbe Empfindung auslöst?“
  • „Die Wirklichkeit ist nie eine Begründung für die Literatur.“

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