Wohin gleitet das Ich ohne sein Du? Literarisches Konfekt in ausgewählten Büchern – empfohlen von Chefredakteurin Dr. Maria Zaffarana

„Klaus’ Tod stürzt Erika in ein endloses Dunkel, und in der bodenlosen Weite schwarzer Fluchten wie abgetrennt vom Körper ihre vergeblich nach Halt tastende Hand. Der 21. Mai 1949 ist der Tag ihres Weltuntergangs.“

Wörter sind mehr als nur eine Aneinanderreihung von Buchstaben. Ihnen wohnt ein Zauber inne, der durch feingeschliffene Sprache das Gewöhnliche ins Einzigartige verwandelt. Oder anders ausgedrückt: Eine eingängige Melodie lebt von Rhythmus, Gefühl und ausgewählten Noten, die perfekt harmonieren. Sonst berührt Musik nicht. Der Wohlklang eines Textes ertönt durch denselben Feinsinn: Nur wenn das Herz und der Geist abgestimmt werden mit der Leidenschaft für Poesie, entstehen bedeutungsvolle literarische Unikate. In dieser Rubrik widmet sich CarpeGusta Literatur genau solchen Büchern: Werken, die über die bloße Handlung hinausgehen, weil sie von der Ästhetik des Schreibens leben, indem sie durch wohlkomponierte Satz-Arrangements Magie pur erzeugen.

Heute präsentieren wir Ihnen eine Auswahl der schönsten und prägnantesten Passagen aus dem Roman „Solange es eine Heimat gibt. Erika Mann“ von Paul Ruban:

  • „Im vom Vater geschaffenen Pandämonium lebten die Ahnen der Manns, Romanfiguren und reale Menschen, ein ineinander verwobenes Ganzes, ein einziges verdichtetes Familiengeflecht. Die Grenzen zwischen Dichtung und Wahrheit waren fließend, die Mann-Kinder Wanderer zwischend den Welten.“
  • „Des Vaters Geschichten, zwar keine Regieanweisungen für die Realität, aber die beschworenen Bilder ließen die Wirklichkeit bedrohlich wanken.“
  • „Mann gehörte einem Bürgertum an, dessen Niedergang der Vater auf dem Papier beschwor, was war schon gesichert? Im Rollenspiel der Möglichkeiten verlor man leicht die Orientierung. Lief Gefahr, sich zu verirren, verlaufen in den Wäldern der Fantasie wie Hänsel und Gretel.“
  • „Es gibt ihr Du nicht mehr.“
  • „Die Feder schwebte über dem Blatt; als sie sich senkte, hatte Erika zu einer geradezu dialektischen Lösung gefunden; sie wählte eine regelrecht salomonisch kluge Formulierung, mit der sie dem Vater die Hand entgegenstreckte, eine Versöhnungsgeste …“
  • „Noch einmal der Rausch, der einen anderen ersetzte, nein, nicht ersetzte, sondern in künstlichen Paradiesen davon ablenkte, dass das Ersehnte auf Erden nicht zu bekommen war.“
  • „Sie kehrten ihre Schuld einfach unter den Flickenteppich ihrer Lügen und Verharmlosungen der Vergangenheit.“
  • „In der Ferne, am Horizont, gleitet ein Dampfer dahin, der Schornstein schreibt ein rauchiges Orakel in den Himmel.“
  • „Der Gedanke an ihn ist erfüllt von schwermütiger Sehnsucht, von Trauer, die hoffentlich immer leichter wird mit der Zeit und sich verwandelt ins Glück des Erinnerns.“
  • „Jedes kleine Mädchen braucht einen Klaus. Und jedes große, kein Ich ohne ein Du. Wir treffen uns wieder im Unendlichen, Klaus, eines Tages. Du weißt, wir reisen als Zwillinge.“

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Weiteres über Thomas Mann und seine Familie finden Sie in unserer Rubrik „Eine Familie schreibt Geschichte. CarpeGusta Literatur präsentiert: Die Manns“.