„Es gibt ihn nicht, den Feenstaub der Medizin. Alzheimer ist kein Drama mit Happy End, sondern ein stiller Raubzug im Kopf.“
Wörter sind mehr als nur eine Aneinanderreihung von Buchstaben. Ihnen wohnt ein Zauber inne, der durch feingeschliffene Sprache das Gewöhnliche ins Einzigartige verwandelt. Oder anders ausgedrückt: Eine eingängige Melodie lebt von Rhythmus, Gefühl und ausgewählten Noten, die perfekt harmonieren. Sonst berührt Musik nicht. Der Wohlklang eines Textes ertönt durch denselben Feinsinn: Nur wenn das Herz und der Geist abgestimmt werden mit der Leidenschaft für Poesie, entstehen bedeutungsvolle literarische Unikate. In dieser Rubrik widmet sich CarpeGusta Literatur genau solchen Büchern: Werken, die über die bloße Handlung hinausgehen, weil sie von der Ästhetik des Schreibens leben, indem sie durch wohlkomponierte Satz-Arrangements Magie pur erzeugen.
Heute präsentieren wir Ihnen eine Auswahl der schönsten und prägnantesten Passagen aus dem Roman „Ich denke nicht dran“ von Jo Failer, dtv:
- „Der Himmel war von einer merkwürdigen Farbe – zu hell für Trauer, zu grau für Trost.“
- „Man sagt, Alzheimer nimmt einem das Gedächtnis. Aber das stimmt nicht. Es nimmt dir den Weg dorthin. Und irgendwann auch die Kraft, danach zu suchen.“
- „Manchmal reicht ein Satz, um zu wissen, wie weit man von sich selbst entfernt ist.“
- „Seit dieser Krankheit ist Nähe lauter. Ich höre Zuneigung wie fröhliche Musik. Ich sehe Freundlichkeit wie Sonnenstrahlen. Alles, was früher beiläufig war, hat jetzt Bedeutung.“
- „Ich merke mir keine Fakten mehr, sondern Stimmungen. Kein Datum, sondern den Geruch einer Stunde. Kein Gespräch, sondern den Ton, in dem es gesagt wurde. Die Wahrnehmung ersetzt das Gedächtnis – und manchmal ist das gar kein Verlust. Vielleicht ist es der Sinn dieser Krankheit, dass sie dich zwingt, endlich dort zu leben, wo du bist. Jetzt. In diesem Atemzug.“
- „Manchmal ist Liebe auch nur ein Stück Käsekuchen von der Nachbarin, die keine Ahnung hat, dass sie gerade Rettung serviert.“
- „Morgens begrüßt mich oft zuerst das Nichts. Keine Gedanken, keine Pläne, kein Rattern. Nur dieses weiße, saubere Blatt im Kopf.
- „Struktur ist kein Käfig, sie ist mein Halt.“
- „Warten gehört jetzt zum Denken.“
- „Zeit ist ein Raum, in dem man nicht glänzen muss.“
- „Das Herz ist ein ungezogener Hund – es läuft manchmal los, bevor man es zurückpfeifen kann.“
- „Was früher leicht war, ist jetzt ein Minenfeld. Nähe, Flirten, das kleine Herzklopfen zwischendurch – all das läuft jetzt mit Helm. Nicht, weil ich anders liebe, sondern weil andere anders schauen.“
- „Es gibt Abende, an denen die Angst sich neben mich auf das Sofa setzt wie eine alte Bekannte. Sie sagt nichts, sie macht nur Druck. Ich mache dann Musik an. Jazz, irgendwas mit ein bisschen Unordnung, und denke mir, wenn meine Gedanken schon stolpern, sollen sie wenigstens einen guten Soundtrack haben.“
- „Ich denke nicht dran aufzuhören, Sätze zu suchen, solange da noch irgendwo ein Wort ist, dass ich greifen kann.“
- „Am Ende bleibt ein Satz, der alles umfasst, was ich noch greifen kann, und alles, was mir entgleitet. Ein Satz, der brennt und tröstet, der ehrlich bleibt, wenn der Rest meiner Welt im Nebel verschwindet. Ein Satz, der nicht flüchtet, wenn ich es tue. Er tut weh und ist so wahr: Ich vermisse mich.“
Klappentext:
Als Jo Failer mit 51 Jahren die Diagnose „Alzheimer Frühform“ erhält, steht er noch mitten im Alltag: berufstätig, Vater von zwei kleinen Kindern, umgeben von vielen Freunden. Sein Buch ist der Versuch, die Krankheit sichtbar zu machen, solange er es noch kann. Nicht durch Statistiken, nicht durch Klischees – sondern durch echte, persönliche Momente.
Über den Autor:
Jo Failer, Jahrgang 1972, ist Journalist und Moderator. Er schrieb unter anderem für die „Schwäbische Zeitung“, arbeitete bei „Sat.1“ für „ran“ und als selbstständiger Fernsehproduzent. Heute ist er Künstlervermittler. Failer hat zwei Kinder und lebt in München.
Lesen Sie auch unser Interview mit Jo Failer: „Solange ich noch Worte habe, möchte ich sie nicht festhalten, sondern mit ihnen leben“ und die Rezension über „Ich denk nicht dran“.
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