Was macht Freud mit Blumen und der Liebe? Literarisches Konfekt in ausgewählten Büchern – empfohlen von Chefredakteurin Dr. Maria Zaffarana

„Die auffallendste und wahrscheinlich stärkste emotionale Kraft in Freud war seine Leidenschaft für Wahrheit und sein kompromissloser Glaube an die Vernunft. Für ihn war die Vernunft die einzige menschliche Fähigkeit, die dazu beitragen kann, das Problem der Existenz zu lösen oder zumindest das dem menschlichen Leben innewohnende Leid zu lindern.“

Wörter sind mehr als nur eine Aneinanderreihung von Buchstaben. Ihnen wohnt ein Zauber inne, der durch feingeschliffene Sprache das Gewöhnliche ins Einzigartige verwandelt. Oder anders ausgedrückt: Eine eingängige Melodie lebt von Rhythmus, Gefühl und ausgewählten Noten, die perfekt harmonieren. Sonst berührt Musik nicht. Der Wohlklang eines Textes ertönt durch denselben Feinsinn: Nur wenn das Herz und der Geist abgestimmt werden mit der Leidenschaft für Poesie, entstehen bedeutungsvolle literarische Unikate. In dieser Rubrik widmet sich CarpeGusta Literatur genau solchen Büchern: Werken, die über die bloße Handlung hinausgehen, weil sie von der Ästhetik des Schreibens leben, indem sie durch wohlkomponierte Satz-Arrangements Magie pur erzeugen.

Heute präsentieren wir Ihnen eine Auswahl der schönsten und prägnantesten Passagen aus dem Sachbuch „Sigmund Freud. Seine Persönlichkeit und seine Wirkung“ von Erich Fromm, Psychosozial-Verlag:

  • „Sapere aude! – Wage es zu wissen! – prägte Freuds Persönlichkeit und sein gesamtes Werk.“
  • „Suchen wir aber nach noch persönlicheren Elementen in Freuds Charakter, die seine leidenschaftliche Suche nach Wahrheit erklären können, so stoßen wir auf ein negatives Element in seinem Charakter: seinen Mangel an emotionaler Wärme und menschlicher Nähe, an Liebe und darüber hinaus an Lebensfreude.“
  • „In Anbetracht seiner ganzen Persönlichkeit konnte es für ihn keine Gewissheit in der Liebe geben – Gewissheit gab es nur in der Erkenntnis, und er musste die Welt intellektuell erobern, um vom Zweifel und vom Gefühl des Versagens loszukommen.“
  • „Wer den Mut hat, ganz der Vernunft zu trauen, nimmt die Gefahr der Isolierung und des Alleinseins auf sich, und für viele ist diese Gefahr unerträglicher als eine Bedrohung des Lebens … Dazu braucht der Mensch Mut, die Isolierung auszuhalten und den Spott und Hohn derer, die von der Wahrheit gestört werden und den Störenfried hassen. Freud besaß diese Fähigkeit in einem bemerkenswerten Maß. Er lehnte sich gegen seine Isolierung auf, er litt unter ihr, aber er war nie willens oder auch nur geneigt, sich auf den geringsten Kompromiss einzulassen, der die Isolierung möglicherweise erleichtert hätte. Dieser Mut war auch sein größter Stolz.“
  • „Was macht Freud mit Blumen und – mit der Liebe? Er trocknet und presst sie und tut sie zum Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen … Er hat die Liebe zum Objekt der Wissenschaft gemacht, aber in seinem Leben blieb sie trocken und leblos. Seine wissenschaftlichen und intellektuellen Interessen waren mächtiger als sein Eros: Sie haben den Eros erdrückt und sind Freud zum Ersatz für die Erfahrung von Liebe geworden.“
  • „Dass Freud Frauen gefühlsmäßig nicht nahekam, hatte zur Folge, dass er von Frauen sehr wenig verstand. Seine Theorien über die Frau waren naive Rationalisierungen männlicher Vorurteile, namentlich der Vorurteile des Mannes, dem es ein Bedürfnis ist, Frauen zu beherrschen, damit seine Angst vor Frauen verborgen bleibt.“
  • „Wenn wir von Freuds Liebesfähigkeit sprechen, dürfen wir uns übrigens nicht auf die erotische Liebe beschränken. Freud hatte überhaupt wenig Liebe für Menschen übrig – auch wo keine erotische Komponente im Spiel war.“
  • „Freud, der große Fürsprecher für Sexualität, war in Wirklichkeit ein typischer Puritaner. Als das Lebensziel des Kulturmenschen erschien ihm die Unterdrückung aller Gefühls- und Sexualantriebe, denn nur dank ihrer Unterdrückung sei zivilisiertes Leben möglich.“
  • „Freud hatte allgemein die Tendenz, alles, was ihm dargeboten wurde, aufzunehmen und zu verschlingen, und deswegen neigte er – namentlich bei den intimsten Freunden – dazu, an einer Idee, von der er nur zu genau wusste, dass sie von einem Freunde stammte, zu glauben, dass sie seine sei.“
  • „Das Leben erschien ihm als geistiges Rätsel, das er mit seinem überragenden Intellekt zu lösen entschlossen war. In den Ideen, mit denen er arbeitete, suchte er nach tieferen Werten und Sinn. Der innere Kampf zwischen einem übersteigerten Ehrgeiz und seiner Rangordnung der Werte brachte ihn oft in Konflikt und bewirkte eine an Agonie grenzende Seelentätigkeit. Und da gab es die melancholische Ahnung, dass der Erfolg zu teuer erkauft wurde.“
  • „Die Welt war für ihn eine Bühne, auf der das Drama der psychoanalytischen Bewegung und seiner Mission spielte.“

Klappentext:

Kaum ein Buch ist mit so spitzer Feder geschrieben worden wie diese Analyse des Begründers der Psychoanalyse und seiner Bewegung. Bereits in den 1930er Jahren hatte sich Erich Fromm mit Sigmund Freuds Theorien ausgiebig auseinandergesetzt. Eine aufsehenerregende, 1957 veröffentlichte Freud-Biografie von Ernest Jones veranlasste schließlich auch Fromm zu einer derartigen Publikation, in der er neben einer scharfsinnigen Analyse der Persönlichkeit Freuds auch Kritik an der Psychoanalyse seiner Zeit äußerte. So trägt er zu einem tieferen Verständnis der einmaligen Gestalt und Leistung Sigmund Freuds bei, weil er es wagt, Handlungen und Anschauungen Freuds neu zu deuten.

Über den Autor:

Erich Fromm, Psychoanalytiker und Sozialphilosoph, wurde 1900 in Frankfurt am Main geboren. Nach seiner Promotion in Soziologie 1922 in Heidelberg kam er mit der Psychoanalyse Sigmund Freuds in Berührung und wurde Psychoanalytiker. 1933 verließ er Deutschland, ging zunächst nach Genf. 1934 emigrierte er in die USA, wo er an verschiedenen Instituten lehrte, bevor er anschließend, von 1950 bis 1974, an der Universität von Mexiko-Stadt unterrichtete. Er starb 1980 in Locarno in der Schweiz.

Ebenfalls im Psychosozial-Verlag erschienen: „Sigmund Freud in den Augen anderer“ von von Christfried Tögel und Jörg-Dieter Kogel

Klappentext:

Wie wurde der Mensch Sigmund Freud von seinem unmittelbaren Umfeld wahrgenommen? Wie wirkte er auf jene, die ihn trafen? Christfried Tögel und Jörg-Dieter Kogel zeigen Seiten der Persönlichkeit Freuds auf, die in der biografischen Sekundärliteratur bisher vernachlässigt wurden. Dazu werteten sie etwa 12.000 Seiten weitgehend unbekannten biografischen Materials aus, das von Kurt Eissler, dem Gründer des Freud-Archivs in New York, in autorisierten Gesprächen mit mehr als 350 Personen zusammengetragen wurde. Mithilfe dieser Erinnerungen an den Begründer der Psychoanalyse werfen die Autoren Schlaglichter auf bisher verborgene Seiten von Freuds Persönlichkeit, etwa auf seinen Umgang mit Kindern als Gleichberechtigte, auf sein tiefgehendes Interesse am Schicksal blinder Menschen oder auf seine Einstellung zum Geld und seine politischen Ansichten. Zur Einordnung der Aussagen über Freud steht am Anfang eine biografische Skizze; anschließend beleuchten die Autoren Freud in seinen verschiedenen Rollen, etwa als Wissenschaftler, Therapeut, Familienvater, Reisender oder Sammler.

Tipp: Lesen Sie auch unsere Reportagen „Freud, wie ihn keiner kennt“ und „Zwischen Couch und gefühlter Geschichte: Besuch im Sigmund Freud Museum“.

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