Wann wird Glück zum Trugbild? Literarisches Konfekt in ausgewählten Büchern – empfohlen von Chefredakteurin Dr. Maria Zaffarana

„Sie wollte Kindern beibringen, dass Musik die größte unerforschte Kraft der Welt ist. Jeder kennt und fast jeder hört Musik und trotzdem weiß so gut wie niemand, wie sie funktioniert. Die meisten Menschen können nicht einmal Noten lesen. Das ist so, als würden wir alle am Meer leben und nicht schwimmen können.“

Wörter sind mehr als nur eine Aneinanderreihung von Buchstaben. Ihnen wohnt ein Zauber inne, der durch feingeschliffene Sprache das Gewöhnliche ins Einzigartige verwandelt. Oder anders ausgedrückt: Eine eingängige Melodie lebt von Rhythmus, Gefühl und ausgewählten Noten, die perfekt harmonieren. Sonst berührt Musik nicht. Der Wohlklang eines Textes ertönt durch denselben Feinsinn: Nur wenn das Herz und der Geist abgestimmt werden mit der Leidenschaft für Poesie, entstehen bedeutungsvolle literarische Unikate. In dieser Rubrik widmet sich CarpeGusta Literatur genau solchen Büchern: Werken, die über die bloße Handlung hinausgehen, weil sie von der Ästhetik des Schreibens leben, indem sie durch wohlkomponierte Satz-Arrangements Magie pur erzeugen.

Heute präsentieren wir Ihnen eine Auswahl der schönsten und prägnantesten Passagen aus dem Roman „Durch das Raue zu den Sternen“ von Christopher Kloeble, Klett-Cotta Verlag:

  • „Meine Mutter ist ein Apfelbaum, der wenig von den Gesetzen der Jahreszeiten hält.“
  • „Es ist unfair, wenn man sich jemandem nah fühlt, der nicht nah ist.“
  • „Wir waren im Klassenzimmer in unseren Körpern. Wir waren aber auch woanders, nur in unseren Stimmen.“
  • „… Familienfotos sind etwas für Menschen, die wollen, dass man sich nur an glückliche Momente erinnert. (Bernhardina sagt sogar, glückliche Menschen gibt es nur auf Fotos.)“
  • „Es gibt fast nichts Schlimmeres, als jemandem nicht zuzuhören, der mit dir sprechen will. Damit gibst du dem anderen das Gefühl, dass er nicht da ist, und das lässt den anderen immer lauter werden, weil er Angst kriegt, dass er wirklich nicht da sein könnte.“
  • „Er ist zu mir gekommen und hat mich so umarmt, wie jemand das tut, der eigentlich selbst umarmt werden möchte. Ich habe ihm den Gefallen getan.“
  • „Ich schwieg. Das war das deutlichste Ja, das ich zu geben bereit war.“
  • „Wie gut, dass viele Insektenleichen an den Scheiben des Busses klebten. So konnte man nicht vergessen, wie beschissen das Leben sein kann.“
  • „Das Lächeln meines Vaters verschwand nicht sofort. Das machte es besonders schlimm: Zu sehen, wie er es festhalten wollte und es dennoch sein Gesicht verließ.“
  • „Meine Mutter sagt, das Einzige, was für Männer noch schlimmer ist als eine Frau, die nicht über ihre Scherze lacht, ist eine Frau, die lacht, obwohl die Männer keinen Scherz gemacht haben.“
  • „Niemand macht Musik … die Musik macht uns. Musiker sind nur dazu da, sie den Menschen zu bringen, die sie nicht selbst finden können.“

Unser Fazit:

Über sich hinauswachsen, um die Mutter zurückzuholen – im Alltag Arkadias geht es nur noch darum. Sie will sich mit ihrem Verlust nicht abfinden. Sie kann es nicht. Also kämpft sie so, wie es eigentlich nur Erwachsene tun: unbeirrbar, nicht mehr abzubringen von ihrem Vorhaben. Dabei bürdet sie sich eine große Last auf, schlägt oftmals geradezu skurrile Wege ein. Dass die Menschen um sie herum sie (nicht nur) deswegen für sonderbar halten, interessiert sie genauso wenig wie die Tatsache, dass sie als Außenseiterin oft auf Ablehnung stößt. Die junge Protagonistin kennt es eh nur so. Ihre Mutter, ebenfalls als Sonderling aus der Gesellschaft regelrecht verbannt, hat es ihr so vorgelebt, dieses Anderssein. Das „einfache“ Interagieren in der „normalen“ Welt fällt beiden somit alles andere als leicht. In der Musik dagegen blühen sie auf. Nur hier gelingt es ihnen, die Dissonanzen des Alltags in Einklang zu bringen und sie in Kreativität zu verwandeln. Ihre unbändige Liebe zur Musik lässt das Mädchen schließlich doch noch Hoffnung schöpfen, die Familie retten zu können.

Den existenziellen Kampf ums Glück beschreibt Christopher Kloeble mit herausragender Sprachvirtuosität, die vieles vermuten lässt, wenig verrät und dabei unglaublich große Emotionen entfesselt. Mal heiter, mal melancholisch erzählt er von den Gedanken und Gefühlen seiner jungen Rebellin, deren eigenwilligem Charme man sich nur schwer entziehen kann. Von Seite zu Seite wächst sie ihrem Publikum mehr und mehr ans Herz. Es lacht, leidet und sehnt sich zusammen mit ihr und hofft inständig, die Literatur möge bitte noch mehr solcher eindrucksvollen Figuren wie Arkadia hervorbringen.

Kurz: Ein wundervoller Roman!

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