„Die späten Tage“ von Natascha Wodin, Rowohlt Verlag: „Jeden Tag nach dem Aufwachen, wenn das Bewusstsein langsam einsetzt, der Schock: Du bist alt, du wirst bald sterben.“ Angesichts dieser Erkenntnis will es die Protagonistin noch einmal wissen: Sie möchte der Liebe Einlass in ihren Alltag gewähren und damit der Einsamkeit die Stirn bieten. Also bricht sie auf, um ihr Herz endlich wieder in Wallung zu bringen und sich dadurch lebendig zu fühlen.
Schwer aber tröstlich
Was sie findet, ist Zweisamkeit, allerdings keine uferlose, sondern eine, die sich ihrer Grenzen mehr als nur bewusst ist. Diese Endlichkeit wird zum leitmotivischen Element der Geschichte: Jede Begegnung, jede Berührung und jedes Gespräch – alles gewinnt dadurch an Bedeutung. Dabei sind diese Momente stets durchsetzt von der Aussicht auf einen bevorstehenden Tod. Und gerade in dieser Vergänglichkeitspräsenz offenbart sich die volle Tiefe dieses wundervollen Textes: In ihm verschmelzen Gefühle wie Sehnsucht und Verletzlichkeit zu einem intensiven, bewegenden Porträt über das Alter.
Fazit: Eine berührende Lovestory, die bei aller Schwere auf Lamoryanz verzichtet und stattdessen auf versöhnlichen Trost setzt.
Eine Auswahl der zehn schönsten und prägnantesten Passagen aus „Die späten Tage“:
- „Jetzt liegt er nachts mit seinem Tod im Bett. Er spürt ihn als Kälte im Bauch, in seiner Mitte, die nicht mehr warm wird, er spürt ihn in seiner unendlichen, schlaflosen Müdigkeit.“
- „Wir wussten, dass uns die gemeinsame Basis fehlte, aber wir konnten der Versuchung nicht widerstehen, uns noch einmal zu zweit in der Welt einzurichten, uns gegen Einsamkeit und Tod zu verbünden und schließlich so etwas wie Philemon und Baucis zu werden. So nahm das Verhängnis seinen Lauf.“
- „Irgendwann werde ich mich hinsetzen und nicht wissen, dass es das letzte Mal gewesen ist. Das ist meine Perspektive. Die Bewegung durch die Zeit führt unaufhaltsam zum Ende meiner Bewegung durch den Raum.“
- „Ich glaube, dass niemand weiß, wie man alt wird. Niemand hat uns das gesagt, niemand hat uns darauf vorbereitet. Alle werden vom Altern überrumpelt und sind ratlos, auf einem fremden, unergründlichen Gelände, von dem man nicht weiß, ob es Wirklichkeit ist oder ein Traum. Man weiß nur, dass man aus diesem Albtraum nie mehr erwachen wird.“
- „Offenbar sah man uns nichts davon an, dass wir in Wirklichkeit zwei Verlorene waren, die sich aneinandergeklammert hatten und sich selbst etwas vorspielten, die unsterbliche Liebe inszenierten, um ihrer Sterblichkeit zu entkommen.“
- „Warum können wir alle nicht glauben, dass wir sterben müssen? Weil der Gedanke unerträglich ist oder weil uns ein natürlicher Instinkt sagt, dass es den Tod nicht gibt?“
- „Ich kann kein neues Leben mehr anfangen, dazu ist es zu spät, ich kann nur noch bleiben, wo ich bin, und mich in der Beständigkeit der Liebe üben.“
- „Immer spürte ich in der Gegenwart schon die Wehmut des bevorstehenden Verlustes.“
- „Immer wieder befällt mich die Angst, dass wir einem Wahn erlegen sind, einem Rausch, dass wir einander etwas aufgeladen haben, das wir gar nicht tragen können, dass es plötzlich wieder vorbei sein könnte mit der Liebe, dass sie uns abhandenkommen könnte, aus den Händen fallen, weil sie zu schwer ist für uns, für zwei so altersschwache, hinfällige Kreaturen wie wir.“
- „Der Schwindel, der immer gegen Abend einsetzt, fühlt sich an wie ein Nachlassen der Gravitation, wie ein langsames Entlassenwerden aus dem Gesetzt der Schwerkraft … Es ist Tag für Tag so etwas wie ein Sterbetraining für mich, eine Vorstufe zur endgültigen Ablösung meines Körpers von der Erde.“
Über die Autorin:
Natascha Wodin, 1945 als Kind sowjetischer Zwangsarbeiter im bayerischen Fürth geboren, wuchs erst in deutschen Auffanglagern, dann, nach dem frühen Tod der Mutter, in einem katholischen Mädchenheim auf. Heute lebt sie in Berlin und Mecklenburg.
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