Ist Liebe absurd? Literarisches Konfekt in ausgewählten Büchern – empfohlen von Chefredakteurin Dr. Maria Zaffarana

Wörter sind mehr als nur eine Aneinanderreihung von Buchstaben. Ihnen wohnt ein Zauber inne, der durch feingeschliffene Sprache das Gewöhnliche ins Einzigartige verwandelt. Oder anders ausgedrückt: Eine eingängige Melodie lebt von Rhythmus, Gefühl und ausgewählten Noten, die perfekt harmonieren. Sonst berührt Musik nicht. Der Wohlklang eines Textes ertönt durch denselben Feinsinn: Nur wenn das Herz und der Geist abgestimmt werden mit der Leidenschaft für Poesie, entstehen bedeutungsvolle literarische Unikate. In dieser Rubrik widmet sich CarpeGusta Literatur genau solchen Büchern: Werken, die über die bloße Handlung hinausgehen, weil sie von der Ästhetik des Schreibens leben, indem sie durch wohlkomponierte Satz-Arrangements Magie pur erzeugen.

Heute präsentieren wir Ihnen eine Auswahl der schönsten und prägnantesten Passagen aus dem Roman „Kleine Lichter“ von Roger Willemsen:

  • Das heißt, die Liebe kann ich dir nicht erklären, nur meine. Ich erkläre sie dir in alten Vokabeln. Es geht nicht anders: Wer liebt, wechselt das Jahrhundert.
  • Was mit dir in Berührung kam, verwandelte sich und wurde dir ähnlich und schön.
  • Angeblich ist ja die Liebe das einzige Ding, über das man nichts Absurdes sagen kann.
  • Meine Fragen treibe ich in dein Schweigen, Stollen für Stollen. Willst du mehr als existieren? Hat dein Leben noch Personal? Sind deine Landstriche noch besiedelt, deine Straßen noch bevölkert? Wohnst du noch bei uns?
  • Und denk dir: Alles könnte noch gut gehen. Du müsstest nur aus dir heraus treten, aus dem Hintergrund der Bühne vorn an die Rampe. Lass uns weiter im Konjunktiv spielen …
  • Liebe. Ich sehe dem Wort nach, wie es in der Dämmerung flattert.
  • Das Leben lebt nicht mehr. Aber ich bewege mich darin wie von Sinnen, schlafe unruhig, auf der Suche nach einer Haltung, in der ich die Schmerzen weniger fühlen müsste und dich erreichen könnte.
  • Keiner traut sich, genau zu sein. Dann ziehe ich mich wieder hinter der Tür zurück und inhaliere die Luft, in der noch dein Atem sein muss.

Klappentext:

Seit sechs Monaten liegt der Geliebte im Koma, jetzt bespricht Valerie am Krankenhausbett ein Tonband, das ihn wieder ins Leben zurückführen, zurückverführen, soll. Nun, wo es um alles geht, ist alles in ihrer Sprache Liebe. Wie kann man fühlen und sich nicht verlieren? Wie kann man dem Mangel begegnen, der alle Liebe treibt? Wie kann man erhalten, was man nicht halten kann? Zwischen Wien, wo sie liebt, und Tokio, wo sie arbeitet, hin und her gerissen, beschwört Valerie die eigene Liebesgeschichte noch einmal herauf und zeichnet die Veränderung ihrer Gefühle akribisch nach – bis zu dem Punkt, an dem sie fast überwunden scheinen.

Ein magischer Monolog, eine Beschwörung des Lebens: In seinem literarischen Debüt nähert sich Roger Willemsen so leidenschaftlich wie klug, so innig wie genau dem Phänomen der Liebe. Er erzählt nicht nur eine Geschichte an der Bruchstelle zwischen Leben und Tod, sondern erkundet behutsam das Wesen und die Sprache der Liebe selbst.

Über den Autor:

Roger Willemsen, geboren 1955 in Bonn, gestorben 2016 in Wentorf bei Hamburg, arbeitete zunächst als Dozent, Übersetzer und Korrespondent aus London, ab 1991 auch als Moderator, Regisseur und Produzent fürs Fernsehen. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Willemsen war Honorarprofessor für Literaturwissenschaft an der Humboldt-Universität in Berlin, Schirmherr des Afghanischen Frauenvereins und stand mit zahlreichen Soloprogrammen auf der Bühne. Willemsens künstlerischer Nachlass befindet sich im Archiv der Akademie der Künste, Berlin.

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