Was bleibt, wenn die Erinnerungen langsam verblassen? Diese Frage stellte sich Jo Failer nach der Schreckensdiagnose Demenz und verarbeitete sie in seinem Buch „Ich denk nicht dran“, dtv. Im Interview spricht der Autor darüber, welche Bedeutung das Schreiben in dieser neuen Lebensituation für ihn hat und was ihm trotz der fortschreitenden Krankheit Lebensfreude und Hoffnung gibt.
CarpeGusta Literatur: „Ich denk nicht dran“ handelt von einer Krankheit, die eng mit dem Verlust von Erinnerung und Sprache verbunden ist. Umso bemerkenswerter ist die poetische und bildreiche Sprache Ihres Buches. Welche Bedeutung hatte das Schreiben selbst für Sie im Umgang mit der Diagnose?
Jo Failer: Nach der Diagnose und einem tiefen Loch hatte ich Angst, schnell meine Sprache zu verlieren. Schreiben war für mich immer mehr als ein Beruf. Es ist meine Art, die Welt zu verstehen. Vielleicht schreibe ich heute langsamer als früher. Aber ich schreibe bewusster. Ich achte mehr auf kleine Momente, auf Zwischentöne in den Zeilen, auf das, was mich und die Menschen bewegt. Ich sehe das Schreiben deshalb nicht als Kampf gegen das Vergessen. Eher als eine Form der Aufmerksamkeit. Solange ich noch Worte habe, möchte ich sie nicht festhalten, sondern mit ihnen leben. Und vielleicht erzählen sie dabei auch etwas darüber, was bleibt, wenn nicht mehr alles bleibt.
Viele Passagen leben von starken Metaphern. Wer schreibt, weiß, wie schwer es sich manchmal gestalten kann, seine Gedanken so dezidiert zum Ausdruck zu bringen. Das setzt Talent, aber auch harte Arbeit voraus. Wie trainieren Sie Ihr Gedächtnis, damit Sie noch möglichst lange in diesem Duktus weiter fortfahren können?
Ich glaube, man kann Sprache nicht wie einen Muskel im Fitnessstudio trainieren. Schreiben und der Ausdruck waren für mich immer Leidenschaft. Es ist wirklich spannend zu merken, dass das Kreieren von Metaphern trotz dieser Erkrankung erstaunlich lange bleibt. Vielleicht, weil der Kopf Routine hat. Was mich lebendig hält, sind die Dinge drumherum: das Laufen, Musik, Bücher, Gespräche, meine Kinder und die Neugier auf Menschen und ihre Geschichten.
Natürlich ist Schreiben auch Arbeit. Eine Metapher fällt nicht einfach vom Himmel. Oft ist es wie Jonglieren. Ich probiere aus, verwerfe wieder, drehe einen Satz hin und her, bis plötzlich etwas entsteht, das sich richtig anfühlt. Diesen Moment liebe ich.
Vielleicht ist Neugier überhaupt das beste Gedächtnistraining. Solange sie da ist, entstehen auch Geschichten.
Ihr Buch findet einen Ton, der gleichermaßen berührt, nachdenklich macht und immer wieder überraschend versöhnlich klingt. Wie haben Sie die Balance zwischen der Schwere des Themas und dieser Leichtigkeit gefunden?
Ich glaube, ich habe diese Balance gar nicht bewusst gesucht. Sie war einfach da. Denn auch mit einer Diagnose wie Frühdemenz besteht das Leben nicht nur aus Angst und Traurigkeit. Es gibt weiterhin Kinderlachen, schlechten Kaffee, absurde Momente und Dinge, über die man staunen oder schmunzeln kann.
Ich wollte kein trauriges Buch schreiben, aber auch kein Mutmachbuch. Ich wollte ein ehrliches Buch schreiben. Und Ehrlichkeit bedeutet für mich, dass Schmerz und Leichtigkeit nebeneinander existieren dürfen. Vielleicht klingt das Buch deshalb manchmal versöhnlich. Nicht, weil alles gut ist. Sondern weil das Leben selbst erstaunlich selten nur schwarz oder weiß ist.
Wer Ihr Buch liest, bekommt unweigerlich Lust, mehr von Ihnen zu lesen. Sie schreiben derzeit an einem Roman; wie ist der Stand des Projekts und worum wird es darin gehen?
Ich arbeite tatsächlich schon seit sechs oder sieben Jahren an diesem Roman. Er ist also lange vor „Ich denk nicht dran“ entstanden. Jetzt geht es um das Feinjustieren.
Viel möchte ich über die Geschichte noch nicht verraten. Aber im Kern kreist der Roman um eine Frage, die mich schon lange beschäftigt: Was ist wichtiger im Leben – anderen zu helfen oder sich selbst? In der Fiktion kann ich mich kreativ austoben und für eine Weile in eine andere Welt eintauchen. Übrigens: Demenz ist eine Sidestory darin. Durch die Alzheimer-Erkrankung meiner Mutter wollte ich das Thema damals schon einbauen. Der Roman ist voller Humor und Ernsthaftigkeit, voller Fallhöhen und trivialer Einfachheit.
Ich liebe ihn.
Was würde es voraussichtlich für Sie bedeuten, wenn Ihnen Ihre jetzige Ausdrucksform eines Tages nicht mehr in der heutigen Weise zur Verfügung stünde?
Sprache ist für mich nicht nur Ausdruck, sondern Nähe. Ich erreiche Menschen über Worte, manchmal auch mich selbst. Dass ich das mal nicht mehr kann, ist ein schwerer Gedanke. Zumal ich weiß, dass diese Krankheit keine Pause-Taste hat. Sie nimmt nicht alles auf einmal, aber sie nimmt stetig. Vielleicht wird es dann andere Formen geben, da zu sein. Ein Blick. Eine Berührung. Ein Lachen an der richtigen Stelle. Ich weiß es nicht. Ich wünsche mir, dass etwas von mir bleibt, auch wenn die Worte leiser werden. Nicht als großer Satz. Sondern als Gefühl bei den Menschen, die mich lieben so wie ich bin.
Tipp:
Lesen Sie auch unsere Rezension über „Ich denk nicht dran“ und unser Special zum Buch „Ist Liebe ein Stück Käsekuchen? Literarisches Konfekt in ausgewählten Büchern – empfohlen von Chefredakteurin Dr. Maria Zaffarana“.



