Die DNA moderner Romane

Die Literatur war nie bunter als heute: Fantasy-Abenteuer, Romance und Thriller bieten eine facettenreiche Vielfalt, begeistern durch immer neue Geschichten, stets andere Figuren, unterschiedlichste Welten. Und doch lässt sich beim genaueren Hinsehen ein wiederkehrender „Bauplan“ erkennen – nicht im Sinne einer starren Formel, sondern eher wie eine literarische DNA, die sich aus fünf variablen Grundelementen zusammensetzt.

Das Herzstück: der Konflikt

Der Kern einer Story enthält stets einen oder mehrere Konflikte. Somit umkreisen moderne Romane fast immer eine „Störung“. Dafür kommen in der Regel vier Szenarien in Frage: Etwas wirkt plötzlich falsch, obwohl es vorher normal war; ein Alltag bekommt unerwartet einen Riss; eine Gewissheit beginnt zu wackeln oder ein Mensch merkt, dass etwas nicht mehr zusammenpasst.

Konkretisiert wird diese Störung durch ein Verschwinden etwa, das nicht erklärt wird. Manchmal gerät eine Wahrheit, die sich als falsch herausstellt, ins Wanken. Möglich ist auch das Heraufbeschwören einer längst verdrängten Vergangenheit, die sich unerwartet an die Oberfläche drängt. Schwierige Beziehungen zwischen Freunden und Liebenden dienen ebenfalls als ebensolche Ruhestifter. Besonders beliebt sind auch aktuelle politisch-gesellschaftliche Probleme (Wetterextreme, Wasserknappheit, Artensterben), die als brisante „Climate Fiction“ verarbeitet werden.

Wichtig bei alledem ist weniger der „große Konflikt im Allgemeinen“, sondern all die vielen kleinen Momente der Irritation, die das Geschehen immerzu befeuern.

Das Grundmaterial: entzweite Figuren

Protagonistinnen und Protagonisten sind nur noch selten einfach und eindimensional. Sie entpuppen sich vielmehr als Figuren mit X-Faktor. Sie tragen den Konflikt entweder in sich, reagieren oder vestärken ihn. Das macht sie in ihrem Wesen zerbrechlich. Fortwährend plagen sie sich mit inneren Widersprüchen, Unsicherheiten. Weitere Merkmale ihres Charakters: Sie positionieren sich nicht eindeutig, hadern mit der Moral und machen sich von anderen abhängig.

Somit hat der klassische (oftmals männliche) Held eine Wandlung durchwandert und ist mehr oder weniger in den Hintergrund katapultiert worden. An seiner Stelle betreten nun tragische Antiheldinnen und -helden die Bühne, wie man sie zum Beispiel gern bei „Weird Girl Fiction“ findet. Dieses Genre liegt derzeit im Trend. In dessen Fokus: die weibliche Selbstfindung jenseits der Norm. Frauen müssen hier nicht mehr stark, schön, makellos sein. Sie zeichnen sich stattdessen durch Schwächen aus, stehen zu ihren „Fehlern“, etablieren sich als Außenseiterinnen, zeigen sich frech, tabulos, unbeschwert.

Die Verdopplung: Perspektivenwechsel en vogue

Das Neue ist nicht der Perspektivenwechsel selbst, sondern seine Häufung und Komplexität: Mehrere Stimmen, Zeitebenen und Erzählebenen überlagern sich, sodass die Geschichte erst im Zusammenspiel der verschiedenen Blickwinkel entsteht.

Die Mutation: Wendepunkte

Wendepunkte kommen heute anders zum Einsatz: Ihre Taktung und Inszenierung unterscheidet sich von den herkömmlichen. Jetzt passieren sie nämlich schneller, häufiger, weniger „angekündigt“, provokanter – weswegen gewaltsame Aktionen zunehmend mit Triggerwarnungen und spicy Szenen mit Illustrationen markiert werden. Einige Autorinnen und Autoren gehen sogar noch einen Schritt weiter und brechen bewusst Tabus, die nicht selten zu enthemmten Grenzverletzungen führen.

Solche Effekte setzen weniger auf punktuelle Überraschungen als auf Dauerüberreizung. Frei nach dem Motto: Klotzen statt kleckern, um maximale Aufmerksamkeit zu generieren.

Der Raum: Schauplatz als Stimmungsbarometer

In zeitgenössischen Büchern werden die traditionellen, eindeutigen Verknüpfungen zwischen Raum, Landschaften und Gefühlswelt oft aufgebrochen. Während in älteren Texten ein Sturm meist eine innere Krise oder der Frühling/Sommer Hoffnung symbolisierte, können heute gerade Gegensätze eingesetzt werden: Ein sonniger Tag begleitet eine Tragödie oder ein scheinbar indyllischer Ort wird ohne Vorankündigung zum Schauplatz einer Katastrophe. Die nicht mehr eindeutig interpretierbare Beziehung zwischen äußerer Umgebung und innerem Erleben erzeugt dabei zusätzliche Spannung.

Tipp:

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