„Wer schläft, sündigt nicht – wer vorher sündigt, schläft besser“, kokettierte einst Casanova. Oder: „Der glücklichste Mensch ist aber nicht der wollüstige, sondern der, der die höchste Wollust zu wählen versteht.“ Kaum ein Mann steht so für den unersättlichen Verführer wie er. Über Jahrhunderte hinweg stand sein Name als Synonym für den charmanten, unersättlichen Frauenhelden, der mit Witz, Selbstbewusstsein und Verführungskunst von Schlafzimmer zu Schlafzimmer hüpfte. Jede Frau verfiel ihm. Und das nutzte der allseits umschwärmte Italiener gnadenlos aus. Dieses Bild des erfolgreichen Eroberers griffen viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller in ihren Werken auf. Sie stilisierten Casanova zum Inbegriff männlicher Freiheit, Leidenschaft und sexueller Abenteuerlust.
Macho versus Selbstzweifler
Doch spätestens nach #MeToo hat das Klischee des unfehlbaren Schürzenjägers in der Literatur ausgedient. Auch der narzisstische Macho, der junge Damen (und nicht nur die) ausschließlich als Objekte seiner Begierde betrachtete und dafür gefeiert wurde, musste unweigerlich eine Entwicklung durchmachen. Als Folge dieser Wandlung erlebt er in Romanen nun eine echte Wiedergeburt: Er ist geläutert, reflektierter und kehrt nicht als strahlender Sieger zurück, sondern als gebrochene Figur.
Autorinnen und Autoren zeichnen ihn jetzt als verletzliche, alternde Person. Hinter seiner vormals glänzenden Fassade treten Unsicherheit, Einsamkeit und die Angst vor dem Alleinsein hervor. Was ihn von seinem früheren Ego unterscheidet: Der tragische Antiheld zweifelt nun an sich selbst, ringt mit den Erwartungen seiner Umwelt und muss sich letztlich eingestehen, dass seine bislang bewährten Strategien im 21. Jahrhundert nicht mehr zeitgemäß sind. Übrig von seinem Glamour bleibt die Erkenntnis, dass seine ungezählten Liebesabenteuer kein Zeichen von Stärke gewesen, sondern als Ausdruck einer tiefen Sehnsucht nach Anerkennung und Nähe zu verstehen sind.
Diese heilsame Metamorphose lässt den legendären Venezianer zwar einerseits seine zweifelhafte Faszination einbüßen, ihn aber andererseits menschliche Tiefe gewinnen, begreift er schließlich endlich, dass seine größte Eroberung nicht darin besteht, Herzen zu brechen, sondern zu entdecken, was Liebe tatsächlich ausmacht.



